Rising Star

„Bislang ist die Frage von Zeitreisen offen.
Ich werde darauf jedoch nicht wetten.
Mein Gegner könnte ja den unfairen Vorteil haben,
die Zukunft zu kennen.” Stephen Hawking

Ausrüstung, Wohncontainer und Nahrungspakete poppten in der Savannenlandschaft auf. Erst danach materialisierten die drei Mitglieder des Explorationsteams.
“Ellen, auf elf Uhr!” Karl flüsterte gepresst. Ellen erfasste eine Gruppe Raubkatzen am Dradis.
“Löwen, sie haben uns nicht bemerkt. Sind in Bewegung, trollen sich von uns weg.”
Nach ein paar Minuten war das Rudel am Horizont verschwunden, das Team atmete auf. Es hätte schlimmer kommen können.

Vor ihnen öffnete sich einer der vielen Eingänge zu den Sterkfontein-Höhlen. Das ausgedehnte Höhlensystem lag 50 km nordwestlich von dem, was dereinst Johannisburg werden wird – oder war, je nach Sichtweise.

“Mailin”, Ellen deutete auf das Messgerät an der Hand der Chinesin, “wie sind unsere Zeitparameter?” Mailin glich die Anzeigen ab.
“Abweichung von plus 5%, das sind 80.000 Jahre weiter zeitab.”
“Nicht optimal”, brummte Karl, “aber noch im Rahmen”.

Der Aufbau des Lagers gestaltete sich unproblematisch. Die Wohncontainer wurden verkabelt und an die Stromgewinnung angeschlossen. Küche, Sanitärbereich, Wohn- und Schlafräume standen schnell bereit, der Laborbereich wurde hochgefahren.

Schließlich aktivierte Ellen noch die elektromagnetische Tarnkappe. Kraftfelder mit negativem Brechungsindex lenkten das Licht um die Basis herum und ließen sie optisch mit der Landschaft verschmelzen. Gewisse Bewohner der Savanne sollten nicht durch den unerklärlichen Anblick der Basis verstört werden.

Nach der Besprechung zum Status der Mission zogen sich die Zeitreisenden in ihre Wohnbereiche zurück.
Ellen lehnte sich an die Wand, die Kinderzeichnung im Rücken.
“Nun sind wir also hier”, dachte sie und entspannte nacheinander ihre verhärteten Muskeln. ”Zeit, unseren Job zu machen.”

Ziel der Mission war ein Gebiet im urzeitlichen Südafrika, 1,5 Millionen Jahre in der Vergangenheit. Ellen hatte sich freiwillig gemeldet. Nichts hielt sie mehr auf dem Mars und in ihrer Zeit, nachdem ihre Tochter gestorben war. Die im Laufe von Jahrzehnten akkumulierten Gendefekte schufen eine immer länger werdende, traurige Liste toter Kinder.

Bevor sie das Licht löschte, absolvierte sie ihre täglichen Trainingseinheiten. Sie musste fit bleiben.

Karl goss sich ein zweites Glas von dem schweren Bordeaux ein. Zweiundfünfzig Flaschen fachgerecht gelagerten 2019er Château Grand Mayne hatte er bei dem Zeitstopp im Jahr 2050 aus den Weinkellern des Weinguts bergen können. Der Halt war eigentlich nur nötig gewesen, um Nahrungsmittel für die Mission zu bunkern. Aber das Leben ist zu kurz, um auf die Genüsse zu verzichten, die es bereit hält, und Karls Depressionen zu tief.

Der Anthropologe wusste um die Besonderheit der Location. Fast glaubte er es zu spüren: Irgendwo da draußen in der Nacht lagerte ein Trupp Urmenschen, der Stamm um ein Feuer zusammenrückt vor den Gefahren der Nacht, ängstlich lauschend und den bangen Blick in die Dunkelheit gerichtet.

Karl nahm das Glas und hob es prüfend. Er genoss die tiefdunkle Farbe des Weines und die feinen Aromen von schwarzen Johannisbeeren und Zedernholz. Das hatte die Kolonie wahrlich nicht zu bieten. Karl wird auch nicht zurückkommen. Er war ja eigentlich dort schon gestorben.

Mailin war noch draußen geblieben, um den Zeitteleport zu inspizieren, eine Apparatur, geschaffen aus der physikalisch-mathematischen Verschränkung elementarer Kräfte und Felder. Geschlossene zeitartige Kurven der Relativitätstheorie in Verbindung mit der Qubit-Teleportation der Quantenmechanik waren die theoretischen Grundlagen für die  ZeitRaum-Maschine, die die Marskolonie in jahrzehntelanger Arbeit auf Hellas Planitia entwickelt hatte. Der Zeitteleport transportierte Materie durch Raum und Zeit, indem am Zielort exakte Kopien erzeugt werden.

Die Arbeit an dieser Maschine war Mailins halbes Leben. Die andere Hälfte hatte sie für immer zurücklassen müssen, Dimitri. Denn nach der Erfüllung ihrer Mission mussten alle im Hier und Jetzt bleiben oder tiefer in Vergangenheit reisen, ein Zurück in die Zukunft war nicht möglich. Denn Materie konnte immer nur längs einer der beiden Zeitrichtungen bewegt werden.

Von der Funktionsfähigkeit und Präzision des Zeitteleports hing das Schicksal der Menschheit ab. Die Physikerin wusste um ihre Verantwortung. Nach einem letzten Blick in den Nachhimmel zu dem roten Punkt in der Ekliptik schloss sie die Tür des Wohncontainers. Zeit, zu Bett zu gehen.

Der Morgen über der Savanne kam schnell und heiß. Bald schon schwirrten Insekten in der Luft und eine Kapkobra hatte ihr Erdloch verlassen, um sich in der Sonne aufzuwärmen. Es war ein Morgen wie die vergangenen fünfundsiebzig auch. Über zwei Monate schon wartete das Team in der Zeitbasis auf das Erscheinen von Urmenschen der Gattung Homo. Dabei waren Ort und Zeit mit Bedacht gewählt: Das Sterkfontein-Höhlensystem galt mit seiner einzigartigen Konzentration menschlicher Überreste als die „Wiege der Menschheit“. Und 1,5 Millionen Jahre in der Vergangenheit lebten viele verschiedene Urmenschenarten nebeneinander. Homo erectus, Homo naledi und Homo habilis teilten sich den afrikanischen Lebensraum. Es wurde vermutet, dass zu dieser Zeit noch eine Reihe weiterer Hominidenarten Afrika bevölkerten, alle mit unterschiedlichen Fähigkeiten.

Es war also zu erwarten, dass über kurz oder lang ein ausreichend großer Trupp oder Familienverband in diesem Höhlensystem Quartier beziehen würde.
Und der sollte dann in die Zukunft entführt werden.

Denn die Welt der Zukunft war menschenleer nach dem Kollaps von 2033, als ein ein gewaltiger Sonnensturm die Erde traf, doppelt so stark wie das  Carrington-Ereignis 1859. Sämtliche Kommunikationsanlagen und Navigationssysteme fielen aus, die Energieversorgung brach zusammen. Weltweite Massenpanik und unaufhaltsame Flüchtlingsströme trafen auf geopolitische Spannungen und Krisen. In dem resultierenden Zusammenbruch der Gesellschaft entkam aus einem militärischen Genlabor ein Virus. Eigentlich perfekt designed bezüglich Virulenz, Ausbreitungsgeschwindigkeit und Lebensdauer für die taktische biologische Kriegsführung, erwies sich der Erreger als weitaus aggressiver als geplant und verschwand erst von der Erdoberfläche nach dem grausamen Sterben der letzten Menschen.

Nur auf dem Mars bestand noch mehr als 150 Jahre nach dem Kollaps eine menschliche Kolonie aus den Zeiten des internationalen Terraforming-Programms. Doch auch die Marskolonie war zum Sterben verurteilt. Sie traf ein Ausläufer des Sonnensturms, noch bevor der Strahlungsschutz des Habitats fertiggestellt war. Die starke Röntgenstrahlung schädigte den Genpool der Kolonie und führte im Laufe der Generationen zu tödlichen Zellmutationen.

Karl beschloss, für heute Schluss zu machen. Die ständige Bereitschaft am Dradis, das den Perimeter um die Basis nach größeren beweglichen Objekten scannte, zerrte an seinen Nerven. Fast schon hatte er die Tür zum Laborkomplex hinter sich geschlossen, da ertönte der Alarm. Unwillig kehrte Karl noch einmal zurück.
“Sicher nur ein Rudel Löwen auf dem Weg zurück zum Schlafplatz.” Doch ein Blick auf das Tele elektrisierte ihn.
“Hominiden!” entfuhr es ihm. “Endlich!” Ein großer Familienverband näherte sich dem Höhleneingang. Karl alarmierte die anderen.
“Welche Spezies?” erkundigte sich Ellen aufgeregt.

Schnell war Karl klar, welche Menschenart er hier vor sich hatte. Der grazile Körperbau und die vergleichsweise stark gebogenen Finger verwiesen eindeutig auf den Homo naledi.

“Naledi,” antwortete Karl erregt, “das muss die Gruppe sein, deren Überreste 2013 in der Rising-Star-Höhle gefunden wurde, oder besser gesagt: gefunden werden wird.” Karl feixte über die stets präsenten zeitgrammatikalischen Stolpersteine. “Dann wissen wir auch, wo wir sie zu orten haben”.

“Sie scheinen nervös”, Ellen konnte es am Verhalten der Gruppe deutlich erkennen, “vielleicht fliehen sie vor einem verfeindeten Stamm. Das würde auch erklären, warum sie sich in den hintersten, schwer zugänglichen Teil der Höhle verschanzen werden.”

“Das wird schwierig, sie da rauszuholen.” Mailin entwarf im Geiste schon den Einsatz des Zeitteleports. “Fünfzehn Meter Fels stehen über der Dinadeli-Kammer an. Da braucht es einige Zeit, bis das relativistische Quantenfeld vor Ort steht und fokussiert ist.”

Inzwischen hatte der Naledi-Stamm den Höhleneingang erreicht, Frauen und Kinder stiegen ins Innere der Höhle ab. Nach hinten sicherten Naledi-Männer die Gruppe.

Als die Morgensonne groß und rot am Horizont erschien, war der Zeitteleport schon über der Kammer aufgebaut. Mailin, Ellen und Karl hatten nach einem kurzen Schlaf schon in den frühen Morgenstunden begonnen, die Anlage zum Einsatzort zu schaffen.

Mailin startete die Kalibrierung der Kraftfelder, die die Menschen aus der Naledi-Höhle an einen geeigneten Ort in der fernen Zukunft quantenkopieren sollten. Karl unterstützte die Physikerin, Ellen hingegen patrouillierte nervös auf und ab. Sie spähte in alle Richtungen und beobachtete besorgt die Felsengruppe in ihrer Nähe, die ihr Blickfeld beschränkte. Dradis und Tarnkappe waren nicht möglich, die Elektronik würde den Zeitteleport empfindlich stören.

Während Karl die ihm zugewiesenen Aktivierungsschritte abarbeitete, blickte er in Gedanken noch einmal zurück auf den langen Weg, der sie hierher geführt hatte.

Nach dem Zusammenbruch der Zivilisation auf der Erde und dem Verschwinden des Menschen, wollten die hundertfünfzig Marskolonisten nach dem Abklingen der Kollaps bedingten Umweltschäden zur Erde zurückzukehren und einen Neuanfang versuchen. Als nach rund sechzig Jahren die Umweltbedingungen eine Wiederbesiedlung ermöglicht hätten, zeigte sich jedoch, dass die Gene der Kolonie durch die Strahlung des Flares nachhaltig geschädigt waren. Auch die letzte menschliche Population war dem Untergang geweiht.

In den der Kolonie verbleibenden Jahrzehnten wurden daraufhin alle Energien auf die Erforschung der Schleifenquantengravitation und relativistischer Zeitkurven verwendet. Ziel war es, eine ZeitRaum-Maschine zu bauen, die eine für den Aufbau einer neuen Population ausreichende Anzahl von Menschen aus der Vergangenheit in die neue, menschenleere Welt bringen konnte.

Dieses visionäre, generationenübergreifende Ziel stabilisierte die im Angesicht des nahenden Endes in Apathie verfallene Gemeinschaft. An der Auswahl der Menschengruppe jedoch entzündete sich ein jahrelanger Streit.

Als dann 2178 unter Aufbietung letzter Ressourcen der Zeitteleport fertig war, hatte sich auch die Frage geklärt, wer für den Neustart auf der Erde ausgewählt werden sollte. Moderne Menschen vor dem Kollaps schieden aus, sie wären in einer wilden Welt ohne Technik nicht überlebensfähig gewesen. Steinzeitliche Jäger und Sammler oder frühe Ackerbauern aus der Jungsteinzeit wurden diskutiert. Letztlich setzte sich aber die Gruppe durch, die mit Blick auf seine Geschichte jedes Vertrauen in den Homo sapiens verloren hatte und dafür plädierte, einer anderen Menschenart die Chance zum Neubeginn zu geben.

Aus den noch knapp siebzig überlebenden Kolonisten wurden die drei geeignetsten und physisch stabilsten für die Mission ausgewählt und mit dem Zeitteleport an den Ort und in die Zeit geschickt, wo die größten Chancen bestanden, Urmenschen der Gattung Homo zu finden – lange Zeit bevor der Homo sapiens sich zur einzigen Menschenart auf dem Planeten aufgeschwungen hatte.

Karl versuchte, sich wieder auf die Prüfroutinen zu konzentrieren. In den letzten Sekunden seines Lebens sah er die Mission schon als erfolgreich abgeschlossen und dekantierte in Gedanken einen wohltemperierten Bordeaux.

Ellen wirbelte herum und konnte  dem Prankenhieb des jungen Löwen mit einem Sprung zur Seite gerade noch ausweichen.

“Achtung! Wir werden aus Richtung der Felsen angegriffen!”

Ellen schnellte wieder hoch, zog die Waffe und feuerte in Richtung des Angreifers, trieb ihn mit einem Treffer in die Flanke ins Rudel zurück.

Noch aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie Karl unter einem Berg von Muskeln und Krallen zu Boden ging. Sie leerte ihr Magazin in die Raubkatze, doch für Karl kam jede Hilfe zu spät.

“Ich brauche noch fünf Minuten”, rief Mailin, “halte mir die Viecher solange vom Leib!” Kaltblütig aktivierte die Chinesin nacheinander die Module und trieb den Start des Zeitteleports voran.

 

Drei junge Löwen umkreisten sie langsam. Ellen holte ein volles Magazin aus der Tasche, es war ihr letztes. Vorsichtig zog sie sich in Richtung Zeitteleport zurück und stellte sich vor Mailin.

“Wie lange brauchst du noch”, rief sie hinter sich, “ich kann sie nicht mehr lange aufhalten”.

“Die letzte Aktivierungssequenz ist eingeleitet, gleich kann ich den Befehl zum Start geben.” Mailin starrte gebannt auf das Display.

Die Löwen rückten unaufhaltsam vor. Ellen legte an, atmete tief durch und schoss einer der Raubkatzen präzise zwischen die Augen. Da schnellte die andere blitzartig vor und setzte zum Sprung an, die krallenbewehrten Vorderpranken ausgestreckt.

Ellen ging in die Knie, zog die Waffe hoch und drückte ab. Die Automatik wummerte los und tötete den Löwen noch im Flug, bevor er Ellen halb unter sich begrub.

Mailin sah den dritten Löwen noch herankommen. Sie konnte gerade noch den Startbefehl bestätigen, dann wurde sie niedergeworfen und durch einen Biss in die Kehle fast schmerzlos getötet. 380 Millionen Kilometer und hunderttausende Jahre entfernt starb Dimitri an den Folgen seines wuchernden Krebses. In ihren letzten Gedanken aneinander waren sie im Tode wieder vereint.

Ellen war noch bei Bewusstsein, verlor aber aus einer aufgerissenen Halsschlagader schnell an Blut. Schwächer werdend suchte sie in der Brusttasche nach dem Nano-Desintegrator und drückte mit letzter Kraft den Auslöser. Sie konnte noch beobachten, wie die Nanobots begannen, Metall und Plastik der Basis zu zerlegen,  es sollten keine Spuren zurückbleiben. Dann umfing sie Nacht und das erlösende Vergessen.

Ein ansteigender Sinuston signalisierte die Aktivität des Zeitteleports, die Kraftfelder umfassten die Naledi in der Höhle. Auch er wird nach Abschluss der Übertragung von Nanobots in seine Moleküle zerlegt werden.

Qubit für Qubit der Hominiden wurde eingelesen und perfekt auf verschränkte Materie in der Zukunft kopiert. Nach dem No-Cloning-Theorem der Quantenverschränkung war jedoch eine exakte Kopie nicht möglich, ohne den Zustand der ursprünglichen Quanten zu verändern.
Dieser Wechsel des Quantenzustands führte bei Sender-Organismen zum sofortigen Zusammenbruch der Lebensfunktionen und auch die Urmenschen in der Dinadeli-Kammer starben unvermittelt und ohne Schmerzen.

1.582.178 Jahre später erschien die quantenkopierte Naledi-Population in den Weiten des asiatischen Kontinents. Bäume und andere Pflanzen hatten, durch die Klimaerwärmung und Zunahme des Kohlendioxids begünstigt, die Erde in eine grüne, blühende Welt verwandelt. Ein neues Paradies für einen neuen Menschen.