Fenster zum Hof

Ich berühre das Fenster und blicke in den Hof. Die Zeit läuft.
Menschen wie in Langzeitbelichtung, die Bäume breite, grüne Flächen – der Wind, das Rot der Trümmer teils verwaschen.
Ich nehme die Hand vom Glas. Stopp. Rechts öffnet eine eingestürzte Mauer den Blick in den Himmel und zu den alten Pappeln des Parks. Frauen sortieren die noch brauchbaren roten Ziegel aus und bearbeiten sie für die Wiederverwertung.
Der Innenhof ist teilweise schon geräumt. Bettlaken blähen sich auf improvisierten Wäscheleinen, ein alter Mann sitzt auf den Steinen und schaukelt einen Kinderwagen – Wiederaufbau, Juni ’47.

Ich wende mich ab und gehe zurück in die Tiefe der Wohnung. Es wird dunkel. Mein Handy meldet eine Nachricht, ich öffne sie nicht.
Schalte stattdessen den Fernseher an, zappe mich durch die Bilder, bleibe bei den Nachrichten hängen, Weltgeschehen im Schnelldurchlauf. Ein schreckliches Kaleidoskop, in dem ich mich nicht mehr wiederfinde.

Am Morgen ein Espresso und Croissant im Stehcafe gegenüber. Ich blicke durch den Eingangsbogen in den Hinterhof. Nur Parkplätze und Autos und die großen Container für den Wohlstandsmüll. Dort, wo einst die Lücke klaffte im Viereck des Hinterhofs, steht nun in kaltem Beton eine internationale Bank.

Zurück in der Wohnung, ich lege den Einkauf ab, Fertiggerichte, Getränke, Rotwein. Mich zieht es zum Fenster. Ein schneller Blick hinaus in den Hof. Auch 1947 sind alle im Block schon auf den Beinen. Viele sind beim Organisieren von Lebensmittel, andere tragen Brikett in die Keller oder versuchen, Bruchholz aus dem zerbombten Haus zu bergen.

Ich berühre wieder das Fenster, die Zeit beschleunigt. Tag und Nacht im schnellen Wechsel, die Jahre vergehen. Meine Hand zuckt zurück, der Wirbel klärt sich ins Jahr 1958. Im Innenhof sind Schuppen entstanden, Lagerräume für Holz und Räder. Eine Katze streunt durch den Hof. Halbstarke umstehen einen Motorroller, ein Kreis karierter Hemden und Lederjacken, der Eigentümer lehnt lässig an der Wand, Zigarette im Mundwinkel. In der Baulücke rechts wird ein Neubau hochgezogen, der Innenhof verdunkelt sich wieder. In der Ecke gegenüber steht ein Plumpsklo. Vereinzelt wächst Gras und Unkraut auf dem lehmigen Boden.

Wenn ich lange genug warte, wird meine Mutter herauskommen und einem Korb voll Wäsche ins Waschhaus tragen. Der Bottich ist mit Holzfeuer beheizt und dampft. Heute ist Waschtag für alle im Haus.

Ich mache mir eine Dose Ravioli auf.
In den nächsten Jahren werde ich hier aufwachsen. Wenn ich die richtige Zeit erwische, könnte ich mich sicherlich selbst sehen. Im improvisierten Sandkasten, später mit dem roten Kinderfahrrad, das mir mein Vater aus gebrauchten Teilen zusammengebaut hat. Er hat uns bald darauf verlassen, ist hier nach dem Krieg auch nicht mehr richtig angekommen.
In den folgenden Jahren wird der Hof gepflastert werden und das Plumpsklo verschwinden – das Wirtschaftswunder dringt bis in den Hinterhof.

Die 70´er kommen. Der Jugendaufstand der Halbstarken wird zur Rebellion der Langhaarigen. Wir treffen uns regelmäßig mit Alkohol und Zigaretten in einem der verlassenen Keller, unserem Beatschuppen.

Ich lebe inzwischen mehr in meinem Hinterhof als in meiner Wohnung. Ich habe die Orientierung verloren zwischen Hinterhof und Vorderfront, fühle mich zunehmend getrennt vom Hier und Jetzt. Als ob ich auf der Flucht wäre vor der einen Welt in eine andere.

Berühren, loslassen: 79, die Holzlegen und Schuppen sind abgerissen und der Innenhof zum Parkplatz umgewandelt. 80, 81. Silvester 1999 zwischen Hoffen und Bangen. 2001 ziehe ich wieder zu meiner Mutter. Sie braucht Unterstützung und ich eine günstige Wohnung in der alten Heimatstadt. Als sie stirbt kann ich als Mieter in der Wohnung bleiben.

2013 kommt die Kündigung für die ganze Hausgemeinschaft. Das Haus soll abgerissen und durch einen Neubau mit schicken, teuren Appartements ersetzt werden, so wie es rund um den Block schon geschehen ist. Betongold. Mit finanziellen Verlockungen oder Klageandrohungen schaffte es die Eigentümergemeinschaft, Zug um Zug alle Mieter aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Ich bin geblieben, die Zeit hält mich fest.

Es ist der letzte Tag, morgen rollen die Bagger an. Strom und Gas sind abgestellt, das Haus ist in Dunkelheit versunken.
Ich gehe zum Zeitfenster, es ruft mich in eine unbekannte Zukunft. Ich sehe die Nacht einer anderen Zeit und die Lichter einer anderen Welt.
Ich lege meine Hand auf das Glas.

Eine Baggerschaufel reißt die Wand zur Küche auf, Fenster und Türen splittern. Ziegel stürzen in die Tiefe. Nur die Rückwand steht noch mit einem einzelnen Fenster. Der Schlag einer Abrissbirne lässt das Glas splittern und mit der letzten Mauer in einer Wolke aus Staub versinken.