Tränen im Staub

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Karl schälte sich langsam aus seinen Träumen. Regen. In Böen prasselten die Tropfen an das Fenster. Aber selbst in der Dämmerwelt vor dem Erwachen wusste er: das konnte nicht sein, das war nur eine Chimäre.

Am Waschtisch: Ein halber Liter Wasser, Waschlappen und wenig Seife, biologisch abbaubar. Brauchwasser musste er sparen, das Monatskontingent war fast aufgebraucht. Auch das Trinkwasser wurde zum Monatsende immer knapp.

Er machte sich auf den Weg. Karls schneller Schritt lies Staubfontänen aufsteigen. Staub und Sandwehen türmten sich in den Häusernischen auf seinem Weg zum Fraunhofer-Absorber, der Anlage zur Wassergewinnung aus der Feuchtigkeit der Luft.
Der ungebremste Wind hatte über Nacht wieder reichlich fruchtbaren Mutterboden von den staubtrockenen Feldern verweht und in der Stadt abgeladen. Männer und Frauen vom Bauhof waren schon angerückt, um mit Schaufeln und Schubkarren den angewehten Boden zusammenzutragen und in die Gewächshäuser vor der Stadt bringen. Der kostbare Ackerboden half, die Böden der Treibhäuser fruchtbar zu halten ohne Einsatz wasser- und energieintensiver Düngemittel. Dort wuchs mit einem minimalen Wassereinsatz und kontrollierter Verdunstung ein Gutteil der Nahrungsmittel der Städter.

»Erinnere dich«, sagte er zu sich. »am Rückweg einkaufen, schauen, was es diese Woche gibt«.

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Nur noch das Schild neben der Tür lies den Zweck des Hauses erkennen: Stadtforstamt. Der einst dahinter in üppigem Grün aufragende Wald hatte sich in ein bizarres Säulenlabyrinth verwandelt, ein graues Mikado kurz vor dem Wurf. Vera schlüpfte in ihre Weste und machte sich auf den Weg. Es war der erste Revierbegang ohne ihren Hund Afra. Vera hat ihre langjährige Gefährtin erschießen müssen, als das Gesetz zum Verbot fleischfressender Haustiere erlassen wurde. Die durchschnittlich rund 170 kg Fleisch pro Jahr für Futter belasteten den Wasserhaushalt der Gemeinschaft mit über 2,5 Millionen Liter Wasser. Wasser, das anderswo fehlte und dringender benötigt wurde.
Nach dem Aussterben der Wildtiere wurde ein Jagdhund nicht mehr gebraucht. Afra war kein erhaltenswertes Nutztier mehr.

Der abgestorbene Wald konnte selbst die spärlichen Regenfälle nicht mehr speichern. Trotzdem verlangsamten die toten Bäume den Regenwasserabfluss und wurden stehen gelassen. Ein Großteil des Wassers konnte so versickern und das versiegende Grundwasser ergänzen. Zudem verhinderten die Stämme die Bodenerosion durch die zunehmenden Stürme – solange sie noch standen. Klimaerwärmung und Wassermangel, das war Vera schmerzlich bewusst.

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»Eisberg voraus«, rief der Bootsmann! Längst schon hatten Sonar und die Schiffselektronik den Eisberg erfasst und vermessen, doch ihn dann mit eigenen Augen zu sehen, war noch einmal etwas anderes. Ein grandioser Anblick! Milan schob seinen schweren Schlepper langsam an den Koloss heran. Dann: »Alle Maschinen Stopp«!

Sieben Millionen Tonnen Eis glitzerten in der Polarsonne, Millionen Liter sauberes Wasser für hunderttausende durstiger Menschen. Eisberge als Trinkwasserreservoire in die Trockenzonen zu schleppen, war neben den Meerwasserentsalzungsanlangen an den Küsten und den dezentralen Luft/Wasser-Filtern im Land die einzige Hoffnung, ein Mindestmaß an Trinkwasser für die Menschheit bereitstellen zu können.

»Na, dann mal los«! Kapitän Milan gab das vereinbarte Zeichen und die beiden Hilfsschlepper nahmen Fahrt auf. Sie zogen die zwölf Meter hohe Schlaufe rund um den Tafeleisberg: eine Schürze, die die Flanken im Kontaktbereich zwischen Eisberg und Wasseroberfläche des Eisbergs gegen die Erosion durch Wellen schützen sollte.
Das Manöver war heikel. Beide Mannschaften mussten perfekt zusammenarbeiten, um den Schutz U-förmig um den Eisberg herum anzulegen. Deren Enden aus Stahltrossen nahm Milans schwerer Schlepper mit seiner Winde auf.
»Hoffentlich schaffen wir es«, murmelte Milan schmallippig. Nur jeder fünfte Eis-Transport erreichte seinen Bestimmungsort, zu unberechenbar waren Strömung und das Verhalten der Eisberge.

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Der Fraunhofer-Absorber ragte zehn Stockwerke über ihm auf. Karl war immer wieder beeindruckt von der Größe der Wassergewinnungsanlage. Luft durchströmte auf rund 200 Quadratmeter den Turm. Im Innern floss konzentrierte Salzlösung langsam herunter und absorbierte dabei das Wasser aus der Luft. Anschließend wurde die mit Wasser angereicherte Salzlösung destilliert. Das gewonnene Wasser hatte Trinkwasserqualität und stand sofort zur Verfügung. Doch nur zwischen 500 und 900 Kubikmeter lieferte eine solche Anlage pro Tag – wenn alles funktionierte! Aber auch im reibungslosen Betrieb sank mit zunehmender Trockenheit der Ertrag an Trinkwasser.

Seine Arbeit als Wasseringenieur war für Karl nur noch traurige Pflicht. Sah er doch die kommenden Probleme deutlich vor sich: Wahrscheinlich lässt sich auch mit dieser Technologie die Wassernot im Inland nicht nachhaltig bewältigen.
Er dachte an seinen Wachtraum, Wasser vom Himmel, in Mengen, das Flüsse und Speicher füllte. Doch das war vorbei. Die meisten Flüsse waren versiegt, die Seen vertrocknet. Die Tiere starben, Wiesen und Wälder wurden braun, Gärten verdorrten – trockener Staub beherrschte das Land, Hitze und Durst.

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Zehn Stämme dürrer Fichte wählte Vera aus für die Stadt. Bretter und Latten mussten eingeschnitten werden für Reparaturen an Häusern, Mobiliar und die vielen anderen Verwendungszwecke. Alles Rohholz aus dem toten Wald wurde restlos verarbeitet, dieser Rohstoff war kostbar.

Vera erinnerte sich an das dunkle Grün der Nadeln und das Rauschen der Blätter. An eine andere Zeit. Jetzt war der Grundwasserspiegel durch Übernutzung drastisch gesunken und die Mikroplastikpartikel in den Weltmeeren haben sich mit Öl und anderen Chemikalien zu großflächigen Geisternetzen verflochten, die zunehmend die Verdunstung der Meere verhinderten. Der globale Wasserkreislauf war gestört.

»Darf nicht vergessen«, dachte sie, »heute Abend für´s Essen einzukaufen«.

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»Achtung«! Kapitän Milan hieb auf den Alarmknopf und schrie ins Mikrofon: »Alle Mann auf Deck«!
Der Eisberg hatte sich leicht gedreht und dem Schlepper einen harten Ruck verpasst.
”Nehmt die Spannung raus, lasst etwas von den Stahlseilen nach!”
Selbst kleine unkontrollierte Bewegungen des Eiskolosses konnten das Schiff gefährden. Manchmal waren sie aber auch Anzeichen für größere Probleme wie starke Gegenströmungen oder gefährliche Verlagerungen des Schwerpunkts. Angespannt musterten Kapitän und Crew den Eisberg.
Plötzlich kippte der riesige Eisberg nach rechts und setzte mitsamt der zur Schlaufe geformten Schürze zu einer Rolle an. Eine warme Meeresströmung hatte den Eisberg unter der Wasseroberfläche unterhöhlt.
Der Schlepper wurde unvermittelt rückwärts unter Wasser gezogen.
»Löst die Trosse , schrie Milan und eilte selbst an den Haltekran.
Verzweifelt versuchten sie Seeleute die Stahltrossen zu lösen. Doch inzwischen war schon zu viel Zug auf den Kabeln, um die Verbindung zwischen dem Schiff und dem Eisberg lösen zu können.
Milan versuchte es selbst, die Winden zu entkoppeln und die Trossen zu lösen. Er war sich sicher, ein entscheidender Handgriff konnte sie retten. Da barst die Aufhängung der Winde, ein Eisenbolzen zerschmetterte Milans Schädel und löschte die zuversichtliche Hoffnung.

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Kartoffeln und Weißkraut hatten die Treibhäuser der Stadt zum Konsum geliefert, wie eigentlich immer. Die schier unbezahlbaren Äpfel stammten von einem Wanderhändler, der die Städte abklapperte, um Waren und Lebensmittel aus noch weniger betroffenen Regionen zu tauschen oder zu verkaufen.

Vera und Karl starrten erst auf die verlockenden Äpfel, dann sahen sie sich an.

Jeder sah im anderen die gleiche Sehnsucht nach Nähe, Liebe und Geborgenheit. Nach ein bisschen Glück in diesen rauen Zeiten. Da war ein Lächeln, ein Funke glomm auf.
Und sie sahen auch die gleiche Verzweiflung und Angst und die gleiche zur Gewohnheit gewordene Einsamkeit.

An der Kasse bezahlten sie Kartoffeln und Kohl mit den erarbeiteten Essensmarken, für die zwei Äpfel musste Vera mit einem Teil ihres Trinkwasserkontingents bezahlen.
Beide verließen den Laden. Karl hielt Vera die Tür auf und in einem traurigen, wissenden Blick ging jeder seiner Wege. Zwei Tränen im Staub.