Dance Steps

Shiva, der Göttliche, ballte die Faust und drückte mit der Schwerkraft ganzer Galaxien auf die Materie im Zentrum des Clusters. Unter der massiven Gravitation kollabierten Galaxien wie platzende Seifenblasen und verschmolzen Schwarze Löcher. Ungeheure Strahlungstürme fegten durch das All, Gravitationswellen brandeten auf und verbogen Raum und Zeit.
Milliarden Sterne barsten, Abermilliarden von Planeten verglühten und Tausende Zivilisationen starben im Feuersturm. Augenblicklich, dem Ereignishorizont folgend, sank über Megaparsec hinweg die Hubblekonstante, Abbremsparameter wurden positiv – die Ausdehnung des Universums verlangsamte sich.

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Martin Grünklee sitzt im Café und lässt seinen Gedanken freien Lauf. Nach und nach verstummen für ihn das Geraune an den Tischen, die Vögel und das Rauschen der alten Kastanie gegenüber. Erinnerungen steigen in ihm auf, Gleichungen und Kurven, Daten aus 1,3 Milliarden Lichtjahren Entfernung.

Er war Postdoc am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, als am 14.09.2015 um 11:50 Uhr deutscher Zeit die Schwerkraftwellen auf die Erde trafen. Es war Nacht in den USA und so hatte das Team am MPI in Hannover das Signal als erstes auf dem Schirm. Schon beim ersten Blick auf die Rohdaten wussten er und die anderen Astrophysiker: das Signal GW150914 ist etwas ganz Besonderes! Und doch mussten die Daten des Ligo-Doppeldetektors für Gravitationswellen in den USA wieder und wieder überprüft werden, um verfälschte Messwerte oder Interpretationsfehler auszuschließen. Erst am 11.02.2016 wurde die Öffentlichkeit darüber informiert. Es sei zum ersten Mal gelungen, die von Einstein postulierten Schwerkraftwellen zu erfassen. Das Signal, so hieß es, rühre von der Kollision und Verschmelzung Schwarzer Löcher her.

Die Bedienung des Cafés reißt Martin aus den Gedanken. Er bestellt einen Espresso und ein Glas Wasser, nimmt sich eine Zeitung und lässt Autos und Fußgänger an sich vorüberziehen. Wie unbeschwert, denkt er, sie wissen es nicht.

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Die kosmische Dreiheit Trimurti: Erschaffung, Erhaltung, Zerstörung.
Brahma ist Schöpfer des Alls, der unbewegte Beweger, der sich selbst erschaffende Demiurg der Raumzeit. In einem göttlichen Augenblick warf er den Raum ins Sein und schuf die Zeit.
Shiva füllte das junge Universum mit Gravitation und Materie aller Art und streute Baryonenasymmetrien zwischen Teilchen und Antiteilchen. Sterne wuchsen in seiner Schwerkraft und sammelten Planeten ein, Galaxien und Galaxienhaufen fanden zueinander und zerstoben. Shiva war Schöpfung und Zerstörung, Tod und Wiedergeburt in einem.
Vishnu dagegen war die göttliche Kraft der Erhaltung und wachte über die kosmische Ordnung. Er bewahrte das thermodynamische Gleichgewicht aller Gradienten und webte Entropie und Dunkle Energie ins Universum zu einem Netz unbegrenzter Raumzeit für eine Ewigkeit.

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Martin Grünklee analysierte diejenigen Datenpakete des Signals GW150914, die von seinen Kollegen als Hintergrundrauschen aus Richtung der Schwerkraftwellen interpretiert wurden. So wie er die empfangenen Daten deutete, war er sich jedoch sicher, dass hinter dem Schwerkraftpuls mehr steckt als nur die Kollision zweier Schwarzer Löcher: ein Raum und Zeit erschütternder kosmischer Prozess.
In den langen Nächten der Auswertung am institutseigenen Großrechner wurde es für Martin nach und nach zur Gewissheit. Hinter den Nebeln aus Gas und Staub konzentriert sich dunkle und leuchtende Materie in einem exorbitanten Ausmaß. Schwarze Löcher sammeln sich in diesem gigantischen Schwerefeld, kollidieren und senden Schwerkraftwellen aus wie die im Signal GW150914 empfangenen.
Irgendwann wird diese Masse unter ihrer eigenen Schwerkraft kollabieren, und dann stürzen in Kettenreaktion Schwarze Löcher, dunkle Materie und funkelnde Galaxien in ein monströses Schwarze Loch und es formt sich in einem Kreischen gequetschter Quarks und überdehnter Strings eine Aggregationsscheibe größter astronomischer Ausdehnung.

Unerklärlich für Grünklee ist nur die plötzliche und extreme Zunahme an dunkler Materie, die ursächlich sein musste für die enorme Schwerkraftsenke.
Was er jedoch weiß: mit dem Zusammensturz der gigantischen Masse und der Bildung der Aggregationsscheibe zündet das monumentale Schwarze Loch an den Polen Gammablitze mit extrem hochenergetischer Materiestrahlung. Und er konnte die Richtung berechnen: Genau Richtung Erde.

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In einem Kampf der Titanen ringen Vishnu und Shiva um das Schicksal des Universums.

K spannt die Raumzeit ins Unermessliche, gießt Entropie aus und verdünnt den Raum mit dunkler Energie. Er beschleunigt die thermodynamische Drift Richtung Ewigkeit und treibt Shivas dunkle und leuchtende Materie auseinander. Planeten, Sterne und Galaxien werden sich in den ewigen Weiten einer immer schneller ausdehnenden Raumzeit verlieren. Am Ende von Äonen werden die Sterne erlöschen und es bleiben nur noch Schwarze Löcher übrig, die sich langsam in Hawking-Strahlung selbst auflösen.
In Vishnus immerwährendem Sein. Der ewige, unendliche, thermodynamische Wärmetod des Universums, Big Chill.

Shiva tanzt und sein Tanz hält das Universum zusammen. Dunkle Materie entströmt seiner Choreografie, füllt die Superspiralen und Galaxienhaufen mit Masse und Schwerkraft bis die Ausdehnung des Kosmos an Kraft verliert, die Hubblekonstante dreht und das All sich wieder zusammenzieht. Bis zum Big Crunch, der Singularität am Ende der Raumzeit. Die sich augenblicklich in einem heißen, gleißenden Moment in einem neuen Big Bang entlädt – und expandiert in einer Wiedergeburt des Universums.

Brahma kommt und mit ihm Raum und Zeit.

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Martin Grünklee bestellt noch einen Espresso. Er genießt die Postkartenstimmung, saugt sie ein, als wenn es das letzte wäre, was er tat. Und das konnte leicht sein. Seinen Berechnungen zufolge wird bald die kritische Masse für das überdimensionale Schwarze Loch und die Entstehung der energiereichen Gammajets erreicht sein. Dann wird die Erde in einem tödlichen, hochenergetischen Strahlungssturm gebadet werden.

Die Strahlung wird auf die Atmosphäre treffen und einen verheerenden Effekt auslösen. Große Mengen Stickoxid werden entstehen und unwiederbringlich die schützende Ozonschicht schädigen. Alles Leben wird dann der harten UV-Strahlung der Sonne schutzlos ausgeliefert sein. Das Klima der Erde wird sich schnell und deutlich verändern, Hungerkatastrophen werden die Folge sein, unheilbare Strahlungsschäden und irreparable Gendefekte.

Martin Grünklee trinkt seinen Espresso aus, zahlt und reiht sich in den betriebsamen Menschenstrom ein, zielstrebig.
Er hat persönlich noch etwas zu regeln.

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Schließlich kollabiert die gemarterte Materie des Clusters zu einem monströsen Schwarzen Loch. Und aus beiden Polachsen der Aggregationsscheibe schießen in einem Puls unvorstellbarer Energie gewaltige Gammablitze.