ungewiss II

Am offenen Fenster, Blick in die Stadt
Mauer an Mauer, Zeit an Zeit
Ahorn der blüht

Ein Funken Grün treibt Wurzeln mir
zwischen Ziegel und Zement

Futur III

die Augen ausgebreitet weit nach vorn
Vergangenheit im Blick, gelebte Zeit
die uns gehört

weil nie Zukunft ein Prozess
Hinterzeit, Gestrüpp, verwickelt nur, Ziehen oder Kommen
mit hinter nach gewandten Uhren

Rückzeit, das noch nicht sicher ist
Blick über die Schulter, laufend überrollt
rollt die Entscheidung über sie

die Augen für die Gegenwart,
wir sehen nur einmal, im Nehmen
wird endlich Zeit nach vorn

angehäuft im Blick, am Horizont, gelebt
weit in und ständig offen, die Linie aller Leben ist erlebt,
bewegt, erfahren ist, die Zeit liegt vorn, vergangen

wir Trivalenten, menschliche, pfeilgerade und spiralig
war selber Zukunft, Hinterzeit, verwickeltes Gestrüpp
wo wenig Gegenwart, weniger die er gewesen

er, der Menschheit einer
der sowohl-als-auch im Blick
er eben beiden eins, bewegt!

 

Wort und Wein Nebelkammern hochionisierter Fragen - by Johann Seidl, 2013
Wort und Wein
Nebelkammern hochionisierter Fragen
– by Johann Seidl, 2013

Fühlerbruch

Du fragst mich, ich weiß doch nichts
von mir, schau selbst, leg mich auf dein
verstaubtes Mikroskop, schenk mir
den Kuss vom Split-Brain Mikrotom, bin doch
nur ein Insekt, Fühlerbruch
.
Spreizt mir die Flügeldendriten
nadelst mich querdurch die Angst ans Brett, so schön,
die Brüder und Schwestern; Kästen hinter Glas in Namenscherben, Freakshow
– ich bin zuhaus

 

darnieder

wir liegen darnieder,
nichts hält die Tage fern
dir, mir

nicht unser dunkles Glück
Tasten, Schmecken, voll
Bergen und Werfen:
Wir machen uns Farben auf die Haut
Nachtschattengeschichten

nichts hält die Tage fern
dir, mir, die gleißend hellen
jeder Tag ist Sterbetag
am erstorbenen Herzen vorüber

(in Verneigung vor Wilhelm Klemm)

Gerstenfeld

Gerstenfeld
die Worte an Halmen, Blicke wie Ähren
Gesten die wogen

Vorgang und Fortgang: geschehen gesehen
gesagt getan – gewesen wahrscheinlich
Gesternfeld

zwischen Mohn und Distel fast
alles in Wellen
ist alles in Wellen

Ein Wind vom Horizont weht
her jetzt, hier und dir
Ereignis und Effekte

Gerstenfeld – Gesternfeld

Gerstenfeld - Fotografie
Gerstenfeld – Gesternfeld

Juni 2014

Ist Gestern nicht ein Feld, fast elektrodynamisches, immer wechselwirkendes.
Nicht Teilchen sondern Kontinuum: wirf einen Stein hinein … .
Alles hängt zusammen, jeder Blick, jeder Laut, der Wind im Gerstenfeld.

Und dann ist die Welle im Jetzt …

Beschränkte Pigmente im Wesentlichen

zerrieben und eingesunken
in großräumige Becken für alle Arten von Licht
schimmernde Flächen wasserlöslicher, wellenlängenabhängiger Gefüge
.
Spät, aus der Dehnung der Entität,
der Dislokation, auch kompressiv
aus Nahtstellen hunderter orografischer Schollen
Erdbebenlinien der Seelentektonik

bricht ein Bild

zu Schwerpunkt und Bewegung,
Millimeter, Schatten, lichtoptische Erscheinungen oberhalb der Farben
Nur beschränkte Pigmente im Wesentlichen,
ultraviolette, transparente: Das Verständnis liegt im Auge

als sichtbare Störung, Auffaltung
Papier im Kontext ausgehender Strahlen